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Deeptalk

Ein unsichtbares Gewicht

Warum man Depressionen wirklich nicht sieht und warum sie extrem vielfältig sind. Für mehr Authentizität.

Und da ist sie wieder, die anstrengende Zeit. Dunkel ist sie nicht wirklich, denn überall ist Licht. Kerzen, Lichterketten, Deckenlampen, Leselampen, Tageslicht. Dass es jetzt wieder eine der anstrengenden Phasen wird, bemerke ich daran, dass ich so müde bin, obwohl ich meine Liste brav abgearbeitet habe. Ich hatte Obst und Gemüse, wie jeden Tag, ich hatte genügend Wasser, habe ausgewogen gegessen, mir etwas Süßes erlaubt, ich war draußen, ich war sozial, ich habe meinen Körper bewegt und ausreichend geschlafen.

Die Farben sind verwaschen, Details unwichtig

Doch irgendwas hängt an mir wie ein nasser Sack, den ich hinter mir herschleife. Ich bemerke ihn schon beim Joggen – so richtig komme ich nicht in den Flow, immer wieder bleibe ich kurz stehen und gehe. Obwohl ich kaum schwer atme. Ich weiß, wozu mein Körper in der Lage ist. An manchen Tagen läuft er 15 Kilometer, an anderen stoppt er eben schon nach zweien.

Dass jetzt wieder für ein paar Tage eine anstrengende Phase kommt, bemerke ich auch daran, dass sich nichts aus meiner Umgebung fokussieren lassen will. Mein Blick will sich einfach nicht scharfstellen und so sehe ich kaum, was um mich herum passiert. Farbtupfen überall. Manchmal erschrecke ich mich vor einem vorbeifahrenden Auto. Für mich war es plötzlich da, wie aus dem Busch gesprungen. Manchmal dringen blaue Kinderaugen kurz in meine Welt, die aus ungewohnter Perspektive durch die unscharfe Umgebung neugierig zu mir hochschauen. Ich lächle kurz. Ich atme tief ein und tief aus. Ja, die nächsten Tage werden anstrengend. Nicht mehr und nicht weniger. Das kenne ich schon. Vielleicht wird es auch nur ein einzelner Tag.

Die Tage können trotzdem schön sein. Aber immer wird da jetzt diese Kraft sein, die mich nach unten zieht, meinen Körper und meine Seele schwer macht.

Traurigkeit und Einsamkeit sind es nicht

Es liegt daran, dass der Blick wieder nach innen gewendet ist. Ich selbst bin wie eine Hülle. Ich mag nicht mehr wie sonst Umwelt und Leute beobachten, es ist zu anstrengend. Ich schaue mit Absicht an Menschen vorbei und hoffe, niemanden zu treffen, den ich kenne. Schwer ist die Zeit nicht, weil ich womöglich traurig bin oder regelmäßig weine. Ich weine sehr selten. Schwer ist sie, weil ich Leere fühle und mich nicht über die Dinge freue, über die ich mich sonst freue. Mein Herz ist wie eingefroren, es macht keine Hüpfer mehr, wenn ich mit Absicht an die Dinge denke, die es sonst zum Hüpfen bringen. Dann weiß ich es spätestens. Ah. Es ist wieder soweit.

Als ich einer Psychologin gegenüber saß, erzählte ich ihr, wie anstrengend alles manchmal sei, so unsagbar kraftraubend, dass ich manchmal nur noch schlafen wolle. Aber nur in einigen wenigen Phasen eben. Nicht gekoppelt an bestimmte Situationen oder Jahreszeiten.

Probleme sind kein Problem

Anstrengend ist es, weil es niemand sehen kann. Und weil reden nicht hilft. „Du bist so selbstreflektiert“, sagen meine Freunde zu mir. Stimmt. Ich kann die meisten meiner Probleme selbst lösen. In den meisten Fällen kenne ich die Lösung. Richtig hilflos bin ich fast nie. Nur fehlt mir manchmal einfach die Energie. Schwupps, ist sie weg, wie eine Socke, die der Staubsauger versehentlich aufgesaugt hat. Und genauso unvorhersehbar. Ich schließe kurz die Augen und wappne mich. Ja, so wird es wieder sein.

Verstehen tun es wenige. Und das verstehe ich. Denn ich muss nicht abgelenkt werden und „endlich mal rauskommen“. Eben genau das nicht. Ich muss mir eine Kerze anmachen, regelmäßig in der Natur sein, Sport machen, Wasser trinken und denken dürfen. Und schwierig ist es, meinem Umfeld zu erklären, dass jetzt gerade wieder diese Phase ist. Ausgerechnet jetzt. An Deiner Hochzeit, Deinem Geburtstag, an meinem Geburtstag, im Urlaub. Ja, genau dann. Ich kann mir nichts anmerken lassen, vielleicht habe ich dann Kopfschmerzen. Und ich bin eben nicht wirklich bei der Sache.

Wie erkläre ich Dir, dass ich deshalb nicht beim Abendessen dabei sein werde. Nein, ich brauche keine Schulter zum Ausweinen. Ich bin nicht traurig, nur leer und möchte schweigen. Und in zwei Tagen kann alles wieder weg sein. Dann siehst du mich vielleicht fröhlich lächelnd in den sozialen Netzwerken mit anderen Menschen. Das heißt nicht, dass es mir mit ihnen besser geht. Oder dass ich eine Ausrede gesucht habe. Es heißt auch nicht, dass die Phase weg ist. Vielleicht ist sie aber auch tatsächlich weg.

Aber wie soll ich es Dir erklären? Ich bin nicht gefühlskalt in diesen Phasen. Ich kann lieben und über meine Gefühle sprechen, ich kriege mein Leben auf die Reihe, ich kann arbeiten, essen, rausgehen. Aber es macht mir eben keine Freude. Es ist, als wäre ich innerlich betäubt. Das bedeutet nicht, dass nichts ist.

Der Autopilot zieht durch – ohne mich

Das bedeutet ebenso wenig, dass ich keine Unterstützung brauche. „Du kriegst dein Leben doch so gut hin, du hast doch eigentlich alles, was man sich wünschen kann!“, das sind Sätze, die ich nicht zum ersten Mal höre. Und ja, es stimmt. Aber das heißt nicht, dass mir diese Dinge zufallen. Diese Dinge habe ich mir erarbeitet, trotz dieser Phasen, in denen ein nasser Sack an meinen Beinen hing und jemand auf meiner Brust saß. Umso härter habe ich dann gezogen. Aber ja, es gab auch schon Phasen, da habe ich mich fallen lassen. Geändert hat es nichts. Der Körper läuft sowieso auf Autopilot, nur die Emotionen sind mal leichter und mal stärker betäubt.

Den Autopiloten ausnutzen

Diese Phasen kann ich auch nutzen. Dass ich den Schmerz der Anstrengung weniger spüre, nutze ich, um unangenehme Dinge auf meiner To-Do-Liste abzuhaken.

Ich bemerke auch daran, dass wieder die anstrengende Zeit anbricht, dass ich mich im Spiegel anschaue und durch mich selbst hindurchblicke. Eigentlich weiß ich gar nicht genau, wie ich aussehe. Es ist nebensächlich. Es sind auch keine bestimmten Themen, die mich belasten oder beschäftigen. Es ist einfach eine Schwere, die wie ein Magnet Kraft gegen alles setzt, was man im Alltag zu erledigen hat. Und das ist auch okay.

Von Jule-Marie Schoppmeier

Jule-Marie spielte schon früher in einem Zeltlager die „Göttin of Confusion“. Verwirrt ist sie zwar nicht, aber sie hinterfragt Dinge und regt zum Nachdenken an. So lange, bis sie manchmal selbst davon Kopfschmerzen bekommt. Heute fädelt sie ihre Gedanken deshalb regelmäßig auf Spulen und webt daraus bunte Texte. Kontrolliertes Chaos ist für sie eine Lebenseinstellung. Um das in Schach zu halten, nutzt sie für ihr Privatleben am liebsten Notizbücher oder digitale Projektmanagement-Tools.

2 Antworten auf „Ein unsichtbares Gewicht“

Danke für diesen Text. Ich mag es sehr deine Texte zu lesen, ich kenne diesen nassen Sack. Es ist so eine gute Metapher. Es ist wirklich schwer für Außenstehende zu verstehen, aber deinen Text werde ich an 2 Leute weiterleiten, da es einfach sehr gut beschreibt, wie es einem geht.

Gefällt 1 Person

Hallo Lydia, das würde mir natürlich Schmetterlinge in den Bauch zaubern, dafür habe ich mir nämlich die Zeit und die Mühe genommen. In der Hoffnung, dass es vielleicht ein Mensch liest, dem es hilft, vielleicht mal zwei, vielleicht drei 🙂✨Danke für Deinen Support! 🌈

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