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Deeptalk

Bauch und Kopf – Teil 1

Text von Kalime Beluschi, veröffentlicht am 12.04.2020.

Diese Geschichte ist eine persönliche Story über komplizierte Beziehungen und unsortierte Gefühle. Über die ewige Ausseinandersetzung zwischen Bauch und Kopf.

Es war der 1. Mai 2017. Ich war wie gewohnt im Büro arbeiten, allerdings war meine To-Do-Liste sehr kurz und fast abgearbeitet, so schaute ich gelangweilt auf Instagram. Zwischen den diversen Urlaubsbildern, Pärchen und Kindern meiner nicht mehr so guten Freunde aus Schulzeiten, erregte ein Bild meine Aufmerksamkeit. Es war ein Bild der Golden Gate Bridge. Sicherlich aus einem Flugzeug-Fenster geschossen. Der Himmel war klar, die berühmte rote Struktur ragte über die kalten Gewässer des pazifischen Ozeans. Schon fast begrüßend. San Francisco. Ich grinste, musste aber zeitgleich schmunzeln. Unter dem Bild kommentierte ich „Bin gerade meeeega neidisch“ (die vielen e’s sollten dem Satz mehr Ausdruck verleihen).

Zu meiner Überraschung antwortete J. relativ schnell. „Du warst doch auch gerade erst im Urlaub“ schrieb er. Tatsächlich. Für einen Arbeitskollegen, mit dem ich wenig bis nichts zu tun hatte, schien er meine Instagram-Aktivität ziemlich gut unter Kontrolle zu haben. Als ich daraufhin antwortete, dass San Francisco mein Geburtsort sei und ich seit meinem 1. Lebensjahr nicht mehr dort gewesen wäre, ploppte ein Chat-Fenster auf. Das Gespräch wurde von öffentlich auf privat verlegt.

Jetzt, fast 3 Jahre später weiß ich, dass dieses Gespräch der Beginn einer sehr langen, intensiven und schwierigen Auseinandersetzung zwischen Bauch und Kopf war.

Ich weiß noch, wie hart es war

J. war zu dem Zeitpunkt mein Arbeitskollege. Wir hatten uns ein Jahr zuvor kennengelernt, als ich einen neuen Job startete. Mittlerweile arbeitete ich aber in einer anderen Abteilung der Firma, und hatte noch weniger mit ihm zu tun als vorher. Als wir uns kennenlernten, hatte ich das Gefühl, er konnte nicht wirklich viel mit mir anfangen. Auf mich wirkte er die meiste Zeit ziemlich lustlos, ja, sogar genervt. Optisch gehörte er zu den Menschen, die meine Aufmerksamkeit nicht für sich gewinnen können. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Er war mir nicht aufgefallen und ich ihm auch nicht (später erfuhr ich, dass ich ihm sehr wohl aufgefallen war). In den sechs Monaten, in denen ich die Abteilung mit ihm teilte, gab es also weder Small-Talk noch Feierabend-Bier. Just Business.

Seine Kalifornien-Reise gab uns eine Gemeinsamkeit und so wurde aus einem Kommentar auf Instagram ein täglicher Austausch. Er schrieb „Guten Morgen“ aus San Francisco, während ich mich in Köln bettfertig machte, und während ich meinen ersten Kaffee trank, saß er im Pub bei einem Glas Bier. Drei lange Wochen lang unterhielten wir uns täglich über Gott und die Welt. Es war schon fast irritierend, keine ungelesenen Nachrichten auf dem Display meines Handys zu sehen, so sehr hatte ich mich an die „Guten-Morgen“-Nachrichten nach dem Klingeln meines Weckers gewöhnt. Wir versprachen uns ein Treffen, sobald er wieder in Deutschland gelandet wäre. Noch während wir uns darüber unterhielten, wurde mir klar: Wir haben ein Date. Ich fragte mich, ob er es genauso sah wie ich.

Flash mich

Als der Tag endlich kam, war ich sichtlich aufgeregt. Zwischen Bauch und Kopf mischten sich allerlei Fragen, als ich mich auf dem Weg zum Alter Markt in Köln begab: Wie soll ich ihn begrüßen? Habe ich das richtige Outfit an? Worüber werden wir reden? Wie soll ich mich ihm gegenüber verhalten? Soll ich meine Haare offen oder im Zopf tragen?

Ich erkannte Ihn aus der Ferne. Er trug eine lässige Blue-Jeans, eine Sweatjacke mit Kapuze und Vans. Er hörte Musik und hatte seine Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Ich sammelte mich, versuchte meine Gedanken auszuschalten und begrüßte ihn mit einer kurzen Umarmung. Die anfängliche Anspannung zwischen uns verflog, je länger wir uns unterhielten. Wir saßen an einem kleinen Tisch, sodass unsere Beine sich unter dem Tisch hätten berühren können, wenn wir es zugelassen hätten.

Ich nutze die Nähe, um ihn mir genauer unter die Lupe zu nehmen. Das erste was mir auffiel, waren die penetranten grün-braunen Augen. Die etwas schiefe Nase, der dunkle Vollbart und die relativ blasse Haut versteckten sich unter einer grauen Cap, die ebenfalls schief auf der Glatze saß. In der Regel sind diese Eigenschaften nicht zwingend mein Fall, abgesehen von den Augen. Und dennoch…irgendwas an ihm machte mich neugierig. Ich weiß nicht, ob es an seinem Aussehen oder seiner tiefen, beruhigenden Stimme lag. Vielleicht war es auch der Tatsache geschuldet, dass man sich mit ihm gut, lange und ausgelassen über (literally) alles unterhalten konnte. Möglicherweise war es eine Mischung aus allem. Fakt ist, ich war neugierig.

An dieser Stelle denkt ihr bestimmt, daraus wurde eine Sommer-Love-Story wie wir sie aus Grease kennen. Tja…ich muss euch leider enttäuschen. Ich weiß. It sucks. FML. Whatever.

Neugierde wurde Enttäuschung, denn es passierte den ganzen Sommer über nichts. Funkstille.

Etwas Ernstes

Als die Sommernächte schon lange vorbei waren, und meine Abende darin bestanden, die Couch und meinen Körper zu vereinen, brachte mich Mark Forster dazu, J. anzuschreiben. Ja, Ihr habt es richtig gehört. Mark Forster. Ich schaute The Voice of Germany, nicht nur als reine Beschäftigungsmaßnahme, sondern, weil ich eine Schwäche für Mark Forster hatte und habe.

SO. ICH HABE ES GESAGT. ICH MAG MARK FORSTER.

Je öfter Mark im Bild erschien, desto mehr erinnerte er mich an J. Nicht nur seine Art und die Gag-Tourette, sondern auch die schiefe Cap auf dem Kopf, die Brille, der Bart. Einfach alles. So nahm ich mein Handy, suchte seinen Kontakt auf WhatsApp und tippte:

Hat Dir schon mal jemand gesagt, dass Du Mark Forster sehr ähnlich bist?

Die Antwort kam, wie sonst auch, sehr schnell: „Das habe ich jetzt nicht zum ersten Mal gehört“, mit einem Lach-Emoji als Ergänzung.

Natürlich hatte er das nicht zum ersten Mal gehört. Wie dumm von mir. Dennoch, wir hatten wieder ein Gesprächsthema und die Konversation verlief von da an sehr flüssig. Die drei Monate Funkstille machten sich kaum bemerkbar. Und so entstand aus einer Banalität wie Mark Forsters Aussehen ein täglicher Austausch an weiteren Banalitäten. Ebenso wurde der Donnerstag offiziell zum „Wir-schauen-zeitgleich-weil-nicht-gemeinsam-TVOG-Abend“ ernannt. Auch der Austausch auf der Arbeit zwischen uns wurde deutlich intensiver. Durch die Kündigung einer Mitarbeiterin übernahm ich weitere Tätigkeiten, die eine Zusammenarbeit mit J’s Abteilung erforderten. Es stellte sich sehr schnell heraus, dass wir ein sehr gutes Team waren. So telefonierten wir fast täglich miteinander. Wir verabredeten uns immer häufiger zum Feierabend-Kaffee/Bier und waren auch mal gemeinsam abendessen.

Ich bildete mir mehrmals ein, zwischen uns würde es funken, da er aber (ebenso wie ich) keinen Schritt wagte, konnte ich es nicht zu hundert Prozent sagen. Dass ich Kaffee mochte und unfähig war, keine 3D-Kästchen auf sämtliche Papierarten zu kritzeln, waren nur einige meiner Charaktereigenschaften, die er mittlerweile gut kannte.

Zum ersten Mal Gefühle zeigen

Eines Abends, ebenfalls ein Donnerstag, wurde das Gespräch so intensiv, dass keiner von uns beiden das Flirty-Flirty weiter ignorieren konnte. Er schilderte kurz, dass sein Arbeitstag durch die Unfähigkeit gewisser Arbeitskollegen (ich versuche seinen Wortlaut so nett, wie nur möglich wiederzugeben) sehr anstrengend war. Als ich daraufhin schrieb „Wen müssen wir begraben? Ich hole Schaufeln und Müllsäcke“, antwortete er: „Das ist nur ein Grund, warum ich dich so mag.”

Ich starrte auf mein Handy und spürte wie mein Herz etwas schneller wurde. Meine Finger tippten eine Frage, noch bevor ich mir sicher war, die Antwort wissen zu wollen: „Dann sag mir die Gründe. Oder einen davon.“ Ich schickte die Frage ab und legte das Handy beiseite. Er konnte zwar mein Gesicht nicht sehen, weil er sich weder im gleichen Raum noch auf der gleichen Rheinseite wie ich befand, aber sicher war sicher.

Eine Nachricht von ihm ließ mein Display kurz darauf wieder aufleuchten. Meine Finger bebten, als ich die Nachricht öffnete. Ich war sichtlich aufgeregt.

1. Du bist wunderschön

2. Und intelligent

3. Ich mag, dass du so viele Sprachen sprichst

4. Die Tatsache, dass dein Name auf meinem Display aufleuchtet, bringt mich jedes Mal zum Lächeln

5. Ich mag deinen Humor

6. Und die Tatsache, dass man sich mit dir über alles unterhalten kann

7. Stundenlang…

8. Ganz wichtig: Du hasst Menschen

9. Erwähnte ich schon, dass ich dich wunderschön finde

10. Ich mag dein Bedürfnis, die Welt zu entdecken

11. Und, dass du ähnlich film- und musiksüchtig bist wie ich

12. Die Tatsache, dass du wahrscheinlich gerade rot wirst, wenn du das liest, finde ich süß

13. All diese Punkte machen dich in meinen Augen zu einer unfassbar interessanten Frau

14. Und zu all dem kommt, dass du umwerfend aussiehst

Ich las alle 14 Punkte 2, 3, 4, ja sogar 5-mal durch. Es kribbelte die ganze Zeit in meinem Bauch. Mein Grinsen wurde immer breiter und mein Gesicht immer wärmer. Bei Punkt Nr. 12 lachte ich. Eine Antwort tippen konnte ich erst nicht. Ich war sprachlos. Diese Liste war der Beweis dafür, dass diese Funken, die ich zwischen uns bemerkte, tatsächlich keine Einbildung meinerseits waren. Wir hatten Gefühle füreinander.

Ich glaub, ich würd‘ dich gerne küssen

Diese Liste, alle Gespräche, alle Momente, jede Sekunde, die wir danach teilten, fühlten sich an wie eine Konfettiexplosion inmitten eines Konzertes. Es ist wunderschön, es glitzert und funkt und kommt unerwartet.

Der Moment, in dem er meinen Handrücken zum ersten Mal streichelte, war einer dieser Momente. Wir saßen mal wieder im Café Extrablatt. Draußen war es ein kalter, dunkler November-Tag und die gemeinsame Zeit im Freien zu verbringen, war keine Option, genauso wenig wie bei mir oder ihm in der Wohnung zu hocken. Letzteres wurde nicht mal in Erwägung gezogen (aber dazu später mehr). Ich spielte am Henkel meiner Kaffee-Tasse und plötzlich streichelte er meinen Handrücken mit seinem Zeigefinger. Die Welt stand kurz still, mein Magen schien jedoch die Bewegung eines Riesenrads in schnell nachmachen zu wollen, Gänsehaut verbreitete sich über meinen ganzen Körper.

Ich schaute zu ihm hoch, spürte wie seine Augen versuchten, meine Emotionen zu lesen, grinste schüchtern (oder zumindest hoffe ich das, weil ich mein Gesicht meistens nicht unter Kontrolle habe…) und ließ ihn weitermachen. Wir starrten uns weiterhin an, bis wir irgendwann unsere Finger ineinander verwickelten. Er streichelte mit seinem Daumen weiterhin meinen Handrücken, wir quatschten weiter und taten so, als hätten wir nicht eben einen Meilenstein erreicht.

Unser erster Kuss folgte einige Tage später. Obwohl die Weihnachtsmarkt-Saison schon eröffnet war, bevorzugten Tanimo und ich einen Ort, in dem kein Menschengedränge und überteuerter Wein im Angebot war. So machten wir uns auf den Weg ins Vapiano in der Nähe des Doms. Es dauerte nicht lange, bis der Alkohol-Pegel die Kontrolle über unsere Aktionen übernahm. So schaffte es meine beste Freundin J. zu schreiben wo wir waren und dass er mich bitte später abholen solle. J. (der zufällig in der Nähe war) folgte den Anweisungen meiner Freundin und tauchte einige Zeit später auf. Betrunken verließen Tanimo und ich das Restaurant (die Kellner waren sichtlich erleichtert über unseren Abgang) und verabschiedeten uns.

Mit den Händen ineinander verschränkt, schlenderten wir die Schildergasse in Richtung Heumarkt entlang. An der „hässlichen Station“ (anders kann man die KVB-Haltestelle am Heumarkt nun wirklich nicht beschreiben) angekommen, dauerte es nicht lange und schon mussten wir uns verabschieden. Ich sah meine Bahn anfahren, drückte J. zum Abschied und wollte gerade seine Hand loslassen, als er mich plötzlich nochmal zu sich heranzog, und seine Lippen gegen meine drückte. Er hielt mich fest und küsste mich. Und wie er das tat.

Bauch und Kopf

Was ist denn schon dabei? Denkt ihr bestimmt gerade. Sie haben sich die Hände genommen sich geküsst…WOW…

Nein. Wir hatten sehr viele schöne, witzige Momente. Momente, an die ich heute noch gerne zurückdenke.

Diese Momente waren unsere Konfettiexplosion-Momente. Die Momente, in denen das Konfetti noch funkelt und glitzert. Tatsächlich bleibt aber auch der Konfettiregen nicht ewig in der Luft, sondern verliert an Höhe und sinkt irgendwann zum Boden. Genau das passierte mit uns. Ich will damit nicht sagen, dass wir nach den ersten Händen streicheln oder ersten Kuss keine schönen Momente hatten. Nein. Wir hatten sehr viele schöne, witzige Momente. Momente, an die ich heute noch gerne zurückdenke.

Zwischen den beiden steh‘ ich

An den Tag, an dem ich das erste Mal bei ihm übernachtete und wie dämlich wir uns dabei anstellten. Als wären wir 14 Jahre alt und täten ES zum ersten Mal. Ich erinnere mich, wie wir uns bei einem Cat Ballou-Konzert am Weihnachtsmarkt gegenüberstehen, Händchen halten und die Zeit miteinander genießen. Wie wir stundenlang telefonieren und uns über alles unterhalten. Ich weiß noch, wie er mir eine Kalifornien-Kette zu Weihnachten schenkte. Eine Kette, über die wir Monate zuvor gesprochen hatten. Ich denke daran, wie wir am 24. Dezember zeitgleich-weil-nicht-gemeinsam Kevin allein zu Haus und Herr der Ringe schauten, und wie wir den Abend (trotz Abstand) zu einem Erlebnis machten.

Ich erinnere mich aber auch daran, wie er mir sagte, er teile eine Wohnung mit seiner Ex-Freundin und ich erstmals so tat, als wäre es kein Problem. Ab seinen Blick, als ich ihm sagte, dass es doch ein Problem sei. Wie er mich bat, dem ganzen, uns, doch eine Chance zu geben. Seinen fragenden Blick, als meine beste Freundin ihn zu ihrem 30. Geburtstag einlud und er meine Reaktion nicht einschätzen konnte. Ich erinnere mich daran, wie er mich während der ganzen Party kaum losließ. Wie ich, angetrunken, ihn dazu drängte, die Worte auszusprechen, die bisher nicht ausgesprochen waren. Ich erinnere mich daran, wie ich auf sein „Ich liebe Dich“ keine Antwort erwidern konnte. Weil Bauch und Kopf sich nicht einig waren. Wie er mich mit glasigen Augen anschaute, als ich ihm sage, dass es nicht funktionieren wird zwischen uns.

Bauch sagt zu Kopf ja, doch Kopf sagt zu Bauch nein. Und zwischen den beiden steh‘ ich!

Dieser Song wurde zu meiner Hymne. Mark Forster konnte in Worte fassen, wozu ich nicht in der Lage war. Bauch und Kopf waren nicht auf einer Wellenlänge.

Bis heute weiß ich selber nicht genau, was mein Problem damals war. Fakt ist, unser Timing war einfach nicht ideal. Die Gefühle waren da, aber unsortiert, wie ein Puzzle. Wie ein Puzzle an das man sich, aus Angst zu scheitern, nicht herantraut.

Am 8. Dezember 2018, nach neun Monaten absoluter Funkstille und am Tag seines Geburtstages, traute ich mich schließlich an das Puzzle „Bauch und Kopf“ heran.


Über die Autorin

KaBeluschi’s Heimat ist die ganze Welt, der Ozean ihre Energiequelle und Salzwasser ihre Blutgruppe. Ihr Gesicht ist ein offenes Buch, ihre Emotionen hat sie nach 28 Jahren immer noch nicht unter Kontrolle und ihre Augen sprechen für sie, ob sie es will oder nicht.

Dieser Text ist bereits hier erschienen: https://www.romantischerwirdsnicht.com/bauch-und-kopf-teil-1/

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