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Wenn Selbst- und Nächstenliebe um die Wette zerren

Grenzen setzen kann ich gut. Nächstenliebe ist mir aber wichtig und Glück teile ich gern. Aber wann sage ich Nein, wenn mich jemand Fremdes um Geld bittet? Wie weh tut es mir, ein paar Cent abzuzwacken und wie viel Mehrwert bedeutet das für die Person? Und wie oft sollte ich das tun?

Ein Mann steht allein vor der Bäckerei, in der ich mir gleich meinen dampfenden Kaffee und mein trockenes Brötchen zum genüsslichen Auseinanderrupfen kaufen werde. Dazu musste ich mich selbst überreden, der Morgen begann unplanmäßig holprig. Das erste Drittel des Weges war ich zurückgerannt, um meine vergessene Brille zu holen. Keine Zeit, keine Zeit, etwas essen kann ich später. Mitgenommen hatte ich mir auch nichts und gestern war ein verdammt schlechter Tag, genau deshalb, weil ich nicht auf mich geachtet hatte. Heute wird anders. Also gönne ich mir jetzt einen Kaffee und ein Brötchen.

Durchs helle Rechteck zur Selbstliebe

Ist noch nicht geöffnet? Oder warum steht er vor dem hell erleuchteten Rechteck und scheint auf etwas zu warten. Der kalte Nieselregen weicht sich unerbittlich und langsam durch meine Frisur, die Corona-Maske drückt meine Nase platt, so stramm sitzt sie. Ich zögere kurz, gehe dann aber doch nach links auf das helle Rechteck zu. Selflove, come on, Jule.

„Hast du zwei Euro zum Essen für mich?“

Ich hatte es fast geahnt. „Nein, leider nicht, ich habe tatsächlich kein Bargeld dabei“, sage ich. Dabei denke ich an einen Moment vor zwei Tagen, als ich von Beni an der Ampel zum Discounter um die Ecke angesprochen wurde, ob ich eine Spende für ihn habe. Seitdem mir ein ehemals suchtkranker Bekannter erzählte, dass ich ihn auch mit einem Brötchen in seiner Sucht bestärke, ließ ich es bleiben. Spätestens ab dem Moment, als er die angebotene Wasserflasche ablehnte. So schlecht, wie er mir erzählte, als ich ihn nach seiner Geschichte fragte, schien es ihm nicht zu gehen. Meine Spende waren seitdem Wertschätzung, mal ein Gruß und oft ein Lächeln.

Und da schwimmt mein Herz aufgeweicht im Kaffee

Aber so unangenehm war es mir neulich, dass er extra für diese Frage seinen Kopf gehoben, von seiner Mauer aufgestanden und auf mich zugekommen war. So unangenehm, dass ich mein Portemonnaie aufmachte und ihm die leeren Fächer gezeigt hatte. Vor wem wollte ich mich eigentlich rechtfertigen? Beni hatte es akzeptiert, auf meinem Rückweg aber dennoch hoffnungsvoll den Kopf gehoben. Nein, ich brachte wieder nur ein Lächeln vorbei.

„Du kannst mir doch jetzt nicht ernsthaft erzählen, dass du kein Geld zum Essen hast!“

Das sagt der Mann im Regen jetzt ziemlich vorwurfsvoll. Ich will ihm aber kein Essen mitbringen. Er sieht normal angezogen aus und ist unverschämt. Wortlos gehe ich in die brotduftgeschwängerte Luft und mache meine Bestellung. Als ich mit meinem dampfenden Becher wieder hinausgehe, fühle ich mich unsagbar schlecht, schaue stur geradeaus und spüre, wie er mich anstarrt. Sagen tut er nichts. Und mein Herz ist im Kaffee aufgeweicht.

Wann fängt Selbstliebe an und hört Nächstenliebe auf?

Wenn mich der andere eloquente Obdachlose mit den langen schwarzen Haaren höflich anspricht und mir dabei einen guten Abend wünscht, kratze ich schonmal meine letzten Münzen zusammen. Und egal, wie viele es sind, oder wie wenige – er bedankt sich unheimlich nett und zurückhaltend. Ich gebe ihm sogar dann mal etwas, wenn er an den Tisch im Café kommt, was ich eigentlich nicht mag. Manchmal aber auch nicht.

Aber wann setzt man eigentlich Grenzen? Wem gibt man etwas und wann hört es auf? Wenn ein Schicksalsschlag einen auf die Straße bringt, dann hoffe ich, dass auch mir jemand mal ein Brötchen mitbringt. Aber wenn ich jedem etwas gebe, der fragt, dann sitze ich bald selbst daneben. Und was gebe ich vor allem?

Immer nur ein bisschen abknapsen

Es mag ja Leute geben, die spenden konsequent nie etwas. Die Meinung vertrete ich nicht. Ich glaube, dass das, was man eigentlich gibt, oft auch das Sehen des anderen ist. Es ist nicht immer das Geld, sondern auch mal ein Lächeln, ein Gruß, eine Unterhaltung. Aber wo man seine Grenze setzt, das muss wohl jeder selbst entscheiden.

Sich seinen Kaffee und sein Brötchen zu erarbeiten und diese herzhaft zu genießen, dass sollte aber nie darunter leiden, lautet dazu meine Meinung. An der gewissensreinen Umsetzung arbeite ich noch.

Von Jule-Marie Schoppmeier

Jule-Marie spielte schon früher in einem Zeltlager die „Göttin of Confusion“. Verwirrt ist sie zwar nicht, aber sie hinterfragt Dinge und regt zum Nachdenken an. So lange, bis sie manchmal selbst davon Kopfschmerzen bekommt. Heute fädelt sie ihre Gedanken deshalb regelmäßig auf Spulen und webt daraus bunte Texte. Kontrolliertes Chaos ist für sie eine Lebenseinstellung. Um das in Schach zu halten, nutzt sie für ihr Privatleben am liebsten Notizbücher oder digitale Projektmanagement-Tools.

2 Antworten auf „Wenn Selbst- und Nächstenliebe um die Wette zerren“

Danke! Ja, gerade, wenn man diejenigen langsam kennt, weil sie jahrelang immer am gleichen Spot sind und man einmal etwas gegeben hat, die nächsten Male aber nicht, ist es schwer. ABER ich habe auch schon von richtig tollen Beispielen gehört: Einer hat gefragt, weil er wusste, derjenige steht dort, ob er ihm ein bis zwei Stunden für nen Zehner beim Umzug helfen würde. Eine Kollegin hat mit einer Frau abgemacht, dass sie den Tag über auf ihr angeschlossenes Rad aufpasst und sie dann dafür am Ende das Tages mit einer Mark entlohnt. Solche Geschichten empfinde ich persönlich als die Top-Beispiele! Sie verbinden Wertschätzung und einen Deal auf Augenhöhe miteinander. ❤

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