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Deeptalk Geschichten

Die Text-Fee im Samtsessel

Sie litt unter Geschlechterrollen in Theaterstücken und dachte deshalb in einer Krise an eine Sterilisation. Die 28-jährige Maren Pertiet aus Schleswig in Schleswig-Holstein studierte an der Münchner Theaterakademie August Everding Schauspiel und arbeitet nun als außergewöhnlich junge Souffleuse am Münchner Volkstheater. Im Interview erzählt sie von ihrem Kulturschock im Heimatland, Krisen, einer unfreiwilligen Planänderung und der Faszination ihres aktuellen Jobs.


Jule: Liebe Maren, Du bist in Schleswig-Holstein an der Ostsee geboren und wohnst und arbeitest jetzt in München – Zufall oder Plan?

Maren: Teils, teils. Dass ich nach München gekommen bin, lag am Vorsprechen. Eigentlich wollte ich nach Berlin, das kann man sich bei den staatlichen Schauspielschulen aber nicht aussuchen. Also dachte ich „immerhin Großstadt!“. Dass ich da jetzt nicht als Schauspielerin arbeite, war natürlich überhaupt nicht mein Plan. Ich wollte eine coole Schauspielerin werden, Karriere machen, vielleicht auch Promi werden, so wie man sich das eben immer vorstellt. Und dann kam mein Unfall dazwischen, bei dem ich auf der Bühne ausgerutscht bin…

Jule: Was genau passierte bei dem Unfall?

Maren: Wir hatten im Theaterstudium einen Workshop bei einem Clown aus New York  und waren alle mega aufgeregt. Ich hatte noch verschlafen, mein Wecker hatte irgendwie nicht geklingelt und ich kam schon gestresst an. Wir sollten ohne Vorbereitung auf einer Bühne versuchen, lustig zu sein – um zu sehen, wie fucking schwer das ist. Also bin ich mit zu viel Energie auf die Bühne gehüpft, habe irgendwas dahergebrabbelt und bin dabei mit einem Fuß ausgerutscht, während der andere auf der Bühne hängen blieb, so wie es bei den Fußballern immer passiert. Die anderen dachten erst noch, das gehört zur Performance (lacht). Dabei ist mein Kreuzband gerissen und ich kam erstmal ins Krankenhaus.

Jule: Du bist mit „zu viel Energie“ auf die Bühne gesprungen?

Maren: Ja! Um auf der Bühne zu stehen, brauchst du doppelte Energie. Da kann ich nicht die gleiche Energie aufwenden, als würde ich mit einer Freundin im Café sitzen – der berühmte Funke muss ja überspringen. Einige haben zu viel Energie, die müssen sich besser kanalisieren, man lernt im Studium, seine Energie zu managen. Ich hatte zum Beispiel immer zu viel Energie. Nach dem Unfall dagegen dann manchmal auch zu wenig, weil ich „zu“ war. Ich dachte: „Ich darf mich nicht gehen lassen, sonst passiert wieder irgendwas!“ Dabei wird eine Rolle erst interessant, wenn ein bisschen von dir mit drinnen ist. Das gelernt zu haben, hilft mir übrigens auch heute noch, wenn ich mal keine Energie im Alltag habe. Dann renne ich zum Beispiel eine Treppe auf und ab, diese Methoden habe ich verinnerlicht.

Jule: Bevor Dein Studium in München begann, hast Du Dich nach dem Abitur ein Jahr lang an verschiedenen Schauspielschulen im ganzen Land beworben. Was fiel Dir in der Phase besonders schwer?

Maren: Was mir super schwer fiel und womit ich auch immer noch Probleme habe, sind die Geschlechterrollen in Theaterstücken. Ich bin bei meinem ersten Vorsprechen gleich in die Endrunde gekommen und dachte mir so: „Läuft!“  Und dann haben die mich doch nicht genommen, weil man einen Mann brauchte. Also es hing nicht mehr damit zusammen, ob ich das cool gemacht hatte, sondern sie brauchten einfach einen Mann. In der Theaterliteratur gibt es einfach mehr Männer- als Frauenrollen, wobei es bei den modernen Stücken mittlerweile ein bisschen besser ist. Aber ja, Hamlet und so weiter… Das war richtig krass für mich, ich habe mir dann erstmal die Haare abgeschnitten. Ich habe daran gedacht, mich sterilisieren zu lassen, damit ich keinen Karrierenachteil habe – also mega krass. Mir wurde später bewusst, dass das ja nicht nur im Theaterbetrieb, sondern auch in anderen Bereichen so ist, dass dir deine Rolle als Frau manchmal echt im Weg steht.

Jule: Wie ging es weiter?

Maren: Ja, ich habe echt gestruggled. Ich habe ein halbes Jahr gebraucht, um mich davon wieder zu erholen, bis ich wieder in die zweiten Runden und Endrunden kam. Weil ich immer dachte: „Letzten Endes bin ich einfach kein Mann und habe nicht den Karrierevorteil.“

Jule: Hat man als Mann beim Theater einen Karrierevorteil, weil sich weniger Männer bewerben?

Maren: Genau! Ja, Schauspiel, Gesang, Tanz — das ist eher so ein Mädchending. Also klar gibt es auch genug gute Männer! Aber es gibt eben mehr Rollen für männliche Schauspieler, du hast es einfach ein bisschen leichter als Mann.

Jule: Gibt es etwas, was Du rückblickend anders gemacht hättest?

Maren: Das ist schwierig, denn so einen Unfall habe ich natürlich nicht eingeplant. Aber ich bin auch froh, dass das passiert ist, weil ich dadurch ziemlich krass aus meinem Tunnel herausgekommen bin und mal nach rechts und links geguckt habe. Der Unfall hat mich dafür sensibilisiert, dass ich auch mal auf mich achte. Und ich denke manchmal schon, keine Ahnung ob ich das hätte beeinflussen können, aber dass es schade ist, dass ich gar nicht an andere Studienfächer gedacht habe. Wer weiß, was dann noch gekommen wäre…

Jule: Nach Deinem Unfall warst Du erstmal „weg von der Bühne“. Schließlich ergab sich für Dich die Möglichkeit, als Souffleuse am Münchner Volkstheater zu arbeiten. Was fasziniert dich an deinem Job?

Maren: Mich fasziniert, dass ich meine Ausbildung eigentlich komplett anwende. Ich mache genau das, was ich gelernt habe, nur auf eine ganz andere Art und Weise. Jetzt bin ich hauptsächlich am Ende der ganzen Prozesse dabei, obwohl ich auch sehr bei den Proben involviert bin, zum Beispiel beim Textcoaching. Es wird ein Bühnenbild gebaut, es wird geprobt, das Stück ist auf der Bühne, Premiere, und so weiter und dann: BLACKOUT. Der Schauspieler weiß nicht weiter und da komme dann ich. Wenn man es herunterbricht, dann spreche ich nur ein paar Wörter in der Woche. Aber ich gehe natürlich die ganze Zeit mit. Ich kenne die Schauspieler inzwischen so gut, dass ich merke, wenn etwas gerade nicht stimmt und gleich etwas passieren könnte. Oft, bevor die Schauspieler überhaupt den Hänger haben. Ich liebe, dass ich meine Empathie so komplett ausleben kann, das finde ich faszinierend und erfüllend. Und dann sage ich ein, zwei Wörter, das geht manchmal binnen Sekunden und danach, hinter der Bühne, werde ich dann mit so viel Dank überschüttet: „OH MEIN GOTT, MAREN, DU HAST MICH GERETTET!“

Jule: Spannend! Du lebst ja nun seit einigen Jahren in Bayern – findest Du, dass sich die Menschen im Norden von denen im Süden Deutschlands unterscheiden?

Maren: Ja! (lacht) Was mir vor allem jetzt in Corona-Zeiten echt aufgefallen ist – vielleicht sind deshalb die Fallzahlen bei euch niedriger als bei uns in Bayern – das ist die Körperlichkeit. In Bayern ist mir super schnell dieses „Bussi-Bussi“ aufgefallen und dabei nimmt man sich eben auch in den Arm. Das macht man in Schleswig-Holstein nicht. Da sagt man „Moin!“. Bei uns sagen wir jetzt „Ach nein, wegen Corona kein Bussi-Bussi“ und in Schleswig-Holstein „Joa, moin, joa. Macht ja nichts mit Corona“, denn es ändert sich ja nicht viel (lacht).

Jule: Was vermisst Du am meisten an Schleswig-Holstein? Vermisst Du überhaupt irgendetwas?

Maren: Ja…(überlegt). Schon das Meer irgendwie. Also die Ostseeküste, aber da bin ich eben auch aufgewachsen, das ist für mich Kindheit. Ich mag diese rauen Steilküstenspaziergänge. Ich mag aber auch die Wohnzimmeratmosphäre in Bayern, hier gibt es nicht diesen Wind, der in alle Ritzen geht. Aber manchmal habe ich das Gefühl, mal ordentlich durchgelüftet werden zu müssen und das kannst du nur beim ordentlichen Steilküstenspaziergang. Ja, das vermisse ich, diese Durchlüftungsspaziergänge!

Jule: Was würdest Du jungen Menschen raten, die gerade die Schule beendet haben?

Maren: Ein FSJ (Freiwilliges Soziales Jahr) zu machen! Ich habe das damals auch am Theater absolviert und das war das Beste, was ich jemals gemacht habe. Man studiert danach dann ja eh noch mega viel oder lernt etwas. Dass ich mich auf den Souffleusen-Job bewerben konnte, lag mitunter am FSJ, weil ich das Soufflieren da schonmal gemacht hatte. Im FSJ habe ich einen kompletten Betrieb kennengelernt mit allen Berufsbereichen, ich stand ja nicht auf der Bühne. Regieassistenz, Dramaturgieassistenz, Inspizienz habe ich gemacht, mit Regisseuren und Schauspielern gesprochen oder auch mal Plakate aufgehängt, total simpel eigentlich. Und eben auch souffliert – diese Erfahrung war ausschlaggebend dafür, dass ich einen Job angetreten habe, den ich so nicht im Kopf hatte.

Jule: Findest Du, dass man für die Ausbildung in ein anderes Bundesland gehen sollte?

Maren: Ja, wenn man es kann! Also ich hatte einen Kulturschock in Bayern. Es ist so krass, wie unterschiedlich Wörter und Dialekte und Lebensarten sind, oder allein die Klimabedingungen und wie unterschiedlich Deutschland in sich ist. Also andere gehen ins Ausland, aber dass du schon in deinem eigenen Land einen Kulturschock kriegen kannst…(lacht). Zum Beispiel habe ich mal einen Kaffee bestellt – die Bedienung antwortete dann „A Haferl Kaffee“ und ich „Nein, ich hätt‘ schon gerne einen ganzen Kaffee“, „Ja, *a Haferl Kaffee“, „Ja, aber ganz voll!“. (lacht). Sowas zum Beispiel.

*„A Haferl Kaffee“ bedeutet „Eine große Tasse Kaffee“ auf Bairisch.

Jule: Was haben diese Erfahrungen mit Dir gemacht?

Maren: Ich bin offener und toleranter geworden, denke ich. Man sieht jetzt auch viel mehr, wie einen die Umgebung prägt. Ich vermische gerne norddeutsche mit bayrischen Wörtern, habe jetzt zum Beispiel neue Lieblingswörte. Als ich letzte Woche bei meiner Familie in Norddeutschland zu Besuch war, ist ihnen besonders aufgefallen, dass ich oft „joa mei“ rufe. Das nutzt man auf bairisch als Ausdruck von Mitgefühl oder Gefühl.

Jule: Lustig! Danke für deine Antworten, Maren.

Maren: Gerne!

Von Jule-Marie Schoppmeier

Jule-Marie spielte schon früher in einem Zeltlager die „Göttin of Confusion“. Verwirrt ist sie zwar nicht, aber sie hinterfragt Dinge und regt zum Nachdenken an. So lange, bis sie manchmal selbst davon Kopfschmerzen bekommt. Heute fädelt sie ihre Gedanken deshalb regelmäßig auf Spulen und webt daraus bunte Texte. Kontrolliertes Chaos ist für sie eine Lebenseinstellung. Um das in Schach zu halten, nutzt sie für ihr Privatleben am liebsten Notizbücher oder digitale Projektmanagement-Tools.

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