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Trauern auf Abstand: Wenn in Corona-Zeiten jemand stirbt

Peter und Anne* wohnen in einem Mehrfamilienhaus in Flensburg, in der Wohnung ganz unten links, wenn man reinkommt. Schon seit 44 Jahren. Sie gehören quasi zum Inventar des Hauses. Aus dem Garten fliegen manchmal Gesprächsfetzen nach oben – Peter mag besonders gern die kleinen Tomaten, Anne ist manchmal genervt von ihm.

Eines Tages steht ein langer, seriöser schwarzer Wagen mit Vorhängen in den Fenstern vor der Tür. Zwei schwarzgekleidete Männer kommen mit ernsten Mienen aus dem Haus. Anne steht mit ihrer Tochter im Türrahmen und schaut dem wegfahrenden Wagen nachdenklich hinterher.

„Ist alles okay bei dir?“, frage ich. „Nein, mein Mann ist Freitagnacht plötzlich verstorben“, antwortet sie und senkt den Blick. Zwei Sekunden brauche ich, um Worte zu finden. „Oh mein Gott, das tut mir sehr leid!“, sage ich. Sie erzählt mir, dass es unerwartet kam, aber schnell ging: Ein Aneurysma in der Brust. Zwei Tage zuvor haben sie noch gemeinsam mit der ganzen Familie Annes Geburtstag gefeiert, später abends war Peter dann schon tot. Von seinem Körper durfte sie noch über das Wochenende Abschied nehmen, bevor er abgeholt und in den Wagen mit den Vorhängen vor den Fenster gebracht wurde. „Dann musste er aber auch wirklich weg, es verändert sich doch etwas“, sagt Anne. „Aber es war gut für den Abschied, zu sehen, dass da wirklich kein Fünkchen Leben mehr drinnen ist und es nur noch Peters Hülle ist“, fährt sie fort. Im Garten unten ist es seitdem still geworden. Peter saß immer auf seinem Platz auf der Gartenbank.

Keine Zeit zum Trauern

Zwei Wochen später treffe ich sie im Hausflur. Schon beim Herannahen lege ich mir die Worte zurecht. Trotzdem fallen sie plump aus meinem Mund: „Und, wie geht’s dir? Wird es langsam besser?“ Sie schüttelt den Kopf: „Ich muss jetzt so viel klären und regeln, manchmal hat man das Gefühl, dass Peter nur eine Nummer war.“ Verständnisvoll nicke ich und verstehe es noch nicht. Anne nimmt mir die Frage ab: „Seinen Personalausweis wollte ich gern behalten, aber das darf ich nicht“. Es seien zu viele Daten darauf gespeichert, deshalb musste der Ausweis vollständig vernichtet werden, erzählt sie. Peter hatte seit einem Jahr einen der neuen Ausweise. „Der Ausweis wird einfach zerstört, als hätte Peter nie existiert“, sagt Anne und ist den Tränen nahe. „Früher hat man nur ein Stück davon abgeschnitten und die Angehörigen konnten ihn als Andenken behalten.“

Warme Worte statt fester Umarmung

Ihr fehle die Nähe in der Trauerphase. Anne saß einzeln in der Kirche bei der Beerdigung. Nur diejenigen, die aus einem Haushalt kamen, durften zusammensitzen. Zu Annes Haushalt gehörte Peter, aber Peter ist nicht mehr da. Irgendwann habe sich eine Angehörige einfach über die Corona-Regeln hinweggesetzt und habe sich neben sie gesetzt. „Früher war es so, dass der Pastor einem bei solchen Momenten auch mal die Hand schüttelte oder einen sogar umarmte und zu einem Nachhause kam“, sagt Anne. Doch aufgrund von Corona gab es nur warme Worte. Erst heute Morgen sei sie bei der Bank gewesen, um die finanziellen Dinge zu klären. Mit Maske selbstverständlich. Die Bankangestellte habe Anne erlaubt, die Maske abzunehmen, als diese in Tränen ausgebrach und kaum Luft bekam.

Jetzt, glaubt sie, sei Peter noch irgendwo da oben und würde auf sie herabschauen. Als sie neulich vom Einkaufen kam, war der Himmelt schwarz über ihr. Doch es regnete erst in der Sekunde, als sie die Haustür hinter sich schloss. Anne ist sich sicher: Peter hat den Regen für sie abgeschirmt.

Corona schränkt ein, keine Frage. Jemanden in der Zeit der Isolation zu verlieren, in einer Zeit, in der keine Hände geschüttelt und niemand gedrückt wird – das aber ist besonders schwer. „Danke für das Gespräch“, sagt sie zum Abschied und hebt die Fußmatte an, um den Boden zu reinigen.

*Namen geändert

Von Jule-Marie Schoppmeier

Jule-Marie spielte schon früher in einem Zeltlager die „Göttin of Confusion“. Verwirrt ist sie zwar nicht, aber sie hinterfragt Dinge und regt zum Nachdenken an. So lange, bis sie manchmal selbst davon Kopfschmerzen bekommt. Heute fädelt sie ihre Gedanken deshalb regelmäßig auf Spulen und webt daraus bunte Texte. Kontrolliertes Chaos ist für sie eine Lebenseinstellung. Um das in Schach zu halten, nutzt sie für ihr Privatleben am liebsten Notizbücher oder digitale Projektmanagement-Tools.